Diese unstillbare Sehnsucht

„Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf der Welt seine Sehnsucht stillen kann.“

Schon als Kind notierte ich mir diese Worte von Jean-Paul Sartre in einem meiner vielen Bücher. Und erlebte beim Lesen dieser Zeilen einen der wenigen Momente, in denen ich mich verstanden fühlte.

In diesem Text geht es um die Sehnsucht – und um Depressionen. Anlass, ihn zu schreiben, ist der Suizid von Chester Bennington, der sein Leben am Geburtstag seines Freundes Chris Cornell beendete, der sich kurze Zeit vorher ebenfalls umgebracht hatte. Zudem jährt sich am kommenden Dienstag, den 25. Juli, der Tag, an dem Johannes Korten seinem Leben ein Ende setzte. Für mich nach wie vor traumatisch. Ich las morgens als eine der ersten seinen letzten Tweet mit Link zum letzten Blogeintrag und bangte noch bis zum Nachmittag mit vielen anderen um sein Leben, vergeblich. Und ich hatte das Gefühl, ihn ein wenig zu kennen, weil ich ab und zu mit ihm geschrieben hatte, wenn wir uns auch nie persönlich begegnet waren.

Der Medienkodex, so wenig wie möglich über Suizide zu schreiben, hat seine Berechtigung, der Werther-Effekt ist bekannt. Und natürlich triggern Berichte. Aber es ist wichtig, darüber zu sprechen, was VOR dem Suizid liegt. Über Depressionen, und zwar in all ihren Millionen von Ausprägungen, von Melancholie und Stimmungsschwankungen und depressive Episoden über postpartale Depressionen, über stoffwechselbedingte und durch Traumata ausgelöste Depressionen bis hin zu schwersten Ausprägungen, die akut lebensgefährlich sind wie eine Hirnblutung oder Krebs im Endstadium.

Über das allermeiste kann ich nichts schreiben, weil ich es nicht kenne. Aber ich kann über mich schreiben und über meine Geschichte. Meiner ganz persönlichen Erfahrung mit dem Thema ein Gesicht geben. Auf die Gefahr hin, dass ich in Zukunft als schwach wahrgenommen werde, als labil, vielleicht als Drama Queen, dass ich keine Aufträge mehr bekomme und man mir aus dem Weg geht, weil ich zu anstrengend bin. Sei’s drum.

Ich war schon als Kind „irgendwie anders“. Mit wahnsinnig viel Innenleben und von Anfang an dem Versuch, das Außenleben so anzupassen, dass das nicht auffiel. Und schon damals hatte das Ganze gute und nicht so gute Seiten. Auf der einen Seite eine unerschöpfbare Fantasie und die Fähigkeit, mich stundenlang selbst zu beschäftigen. Auf der anderen Seite das Attribut „Mimose“ und das Gefühl, allein zu sein.

wald

Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, verbrachte ich Teile der Sommerferien oft bei meinen Großeltern, die direkt am Wald wohnten. Stundenlang streifte ich alleine durch diesen Wald, bei Sonne und bei Regen, und saß oft sehr lange in oder unter einem Baum, in meine Geschichten versunken, ohne irgendein Spielzeug dafür zu brauchen. Manchmal gestaltete ich kleine Welten aus Moos, Blättern und Stöcken, aber meistens machte ich nach außen hin gar nichts und alles fand nur in meinem Kopf statt. Es waren reiche Tage.
Irgendwann nahm ich meine beste Freundin mit auf einen meiner Waldstreifzüge. Ich wollte ihr meine Plätze zeigen und meine Geschichten erzählen, aber sie konnte das nicht verstehen – wie auch?, das weiß ich heute. Ich sehe und höre es heute noch, wie sie mich mit großen Augen ansah und fragte: Und was spielen wir jetzt hier?

Ich liebte lange Autofahrten, Besuche von klassischen Konzerten, Spaziergänge auf dem Land und verregnete Sonntage. Hatte lange Zeit einen imaginären, unsichtbaren Freund, der in einer Streichholzschachtel schlief und mich überallhin begleitete, bis ich ihn eines Tages radikal abschaffte, weil ich Angst hatte, nicht normal zu sein. War ich ja auch nicht.

Und wie ist das heute, als Erwachsene, mit 41 Jahren? Bis vor kurzem fand ich es anmaßend, davon auszugehen, dass ich „anders“ oder gar „mehr“ fühle als die meisten Menschen. Aber vielleicht ist es wirklich so.

Jedes Gefühl ist sehr intensiv. Körperlich spürbar. Freude, Angst, Liebe, Zweifel, Wut, Traurigkeit, Verzweiflung, Glück, Fröhlichkeit, you name it. „Ein bisschen“ gibt es nicht. Lauwarm geht nicht. Die Angst raubt den Atem, das Glück ebenso, Kritik ist immer persönlich. Ich spüre Stimmungen anderer Menschen, meistens liege ich damit richtig, schwierig wird es in der schriftlichen Kommunikation mit ihren vielen Möglichkeiten des Missverständnisses, mit dem Fehlen der Direktheit. Die Tränen kommen leicht, aus den unterschiedlichsten Gründen. Natürlich lernt man früh, sie zu unterdrücken. Und beim Duschen zu weinen.

Und in und über allem liegt diese unstillbare Sehnsucht. Johann Gottlieb Fichte nennt sie den „Trieb, mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden und zu verschmelzen“, und das trifft es schon ganz gut. Ich habe nie mit Drogen experimentiert, weil ich weiß, dass sie eine große Gefahr für mich wären. Alkohol reicht. Und ist Gefahr genug. Denn er schafft es, diese Sehnsucht für kurze Zeit abzuschalten und mal so zu sein, wie man gerne auch nüchtern wäre: Unbeschwert, ohne Sehnsucht, einfach fröhlich ohne diesen bittersüßen Beigeschmack, der durch das Wissen um die Vergänglichkeit des Moments entsteht.

Das Leben im Moment, der Genuss, das ganz bei sich sein – pures Glück – das gibt es trotzdem. Was wie ein Widerspruch klingt, ist keiner, denn wenn ich es schaffe, wirklich im Hier und Jetzt zu sein, gibt es keine Vergänglichkeit, dann ist dieser Moment unendlich. Es geht. Manchmal. Beim Schreiben, beim Fotografieren, beim Zusammensein mit bestimmten Menschen, bei der Liebe, in der Natur, beim Sport. Dann schweigt die Sehnsucht für kurze Zeit, ist für einen kurzen Augenblick sogar erfüllt. Aber sie kommt wieder. Und das ist auch gut so.

Was hat das jetzt alles mit dem Thema Depression zu tun?

Vorab: Ich bin nicht depressiv. Anders gesagt: Ich war noch nie in Behandlung, habe bis auf eine halbe Tavor noch nie Psychopharmaka genommen und bin aus allen depressiven Episoden entweder selbst wieder herausgekommen oder – einmal – durch die Hilfe eines Heilpraktikers. Ich habe großes Glück, dass meine Erfahrungen mit Depressionen bisher keine professionelle Behandlung erfordert haben. Aber ich meine, die Gefühle zu kennen. Beziehungsweise: Das Fehlen von Gefühlen.

Das ist nämlich auch eine Seite der hohen Sensitivität. So intensiv alle Gefühle sind, es gibt Phasen, in denen sie von heute auf morgen weg sind. Und ersetzt werden durch ein Nicht-Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit jeglichen Denkens und Handelns. Auf einmal sind die Farben, die gestern noch so intensiv waren, dass man sie zu hören und zu riechen glaubte, weg und ein Monochrom-Filter legt sich über die Welt. Alles wird schwer, zäh, anstrengend. Morgens aufzustehen ist der erste Kraftakt des Tages, und wenn ich es nicht müsste, würde ich es einfach lassen. Abends wird es etwas besser, aber sobald man ins Bett geht, fängt alles von vorne an. Dieses Nicht-Fühlen ist schlimmer als das ängstlichste, zweifelndste oder traurigste Viel-Fühlen. Und es gibt ja das Wissen um und die Erinnerung an das Fühlen, das Leben. Was aber in diesen Momenten unerreichbar und unwiederbringlich verloren erscheint.

Möglicherweise entstehen diese Phasen auch dadurch, dass man von klein auf beigebracht bekommt, man möge seine Gefühle doch bitte in den Griff kriegen. Nicht immer gleich heulen, nicht so launisch sein, nicht so dramatisch, nicht alles so ernst nehmen, lernen, mit Kritik umzugehen, sich eine dickere Haut zulegen (wie oft ich das schön gehört habe!), weniger labil sein, nicht überall Gespenster sehen und doch bitte etwas optimistischer sein. Man soll anders werden, anders sein, als man ist. Oder aber die Variante: Du brauchst das Drama halt, schließlich bist du eine Künstlerin, kreativ, das gehört wohl dazu. Das trifft es nicht, und es stimmt einfach nicht. Ja, Kreativität entsteht aus intensivem Fühlen, weil Schreiben, Musik machen, Malen oder Gestalten Möglichkeiten sind, diese Gefühle zu zeigen. Aber der Künstler erzeugt und kultiviert nicht das „Drama“, um einer sein zu können.

Man ist nicht kompatibel. Man soll anders sein, als man ist, oder zumindest so tun als ob. Eigentlich logisch, dass daraus Depressionen entstehen können, oder?

In den letzten Jahren liest man viel über das Thema „Hochsensibilität“, wobei dem Ganzen dabei immer das Etikett einer Störung anhaftet, das eines nicht-normal-Seins. Letzteres stimmt ja auch – wenn die Norm eben die ist, dass mehr Menschen weniger intensiv fühlen als die, die besonders stark fühlen. Ist es deswegen pathologisch? Müssen sich besonders empfindsame Menschen mit anderen besonders empfindsamen Menschen zusammentun, um sich in ihrer Gruppe, ihrer Minderheit, verstanden zu fühlen, und nach außen hin so tun, als seien sie „normal“?

Ich denke nicht. Ich schreibe darüber, nicht, weil ich einen Sonderstatus beanspruchen will oder gar meine, etwas Besonderes zu sein. Ich bin halt so, wie ich bin, das hat Vor- und Nachteile. Aber wenn meine Tochter, die mir in der Hinsicht sehr ähnlich ist, in der Schule gesagt bekommt, dass sie lernen soll, nicht mehr zu weinen, geht das in die falsche Richtung. Warum darf das Kind nicht weinen, wenn eine Situation es überfordert oder die Gefühle einfach raus müssen? Warum darf es sie nicht zeigen? Ist es nicht so, dass eher die anderen, die nicht so zart besaitet sind, lernen sollten, ihr Weinen zu akzeptieren und nicht als generelle Schwäche zu betrachten?

Wie soll ein Mensch lernen, sich selbst zu lieben – als Basis für ein glückliches Leben – wenn er sich von Anfang an nicht nur anders, sondern „falsch“ fühlt, auf dem falschen Planeten, nicht normal, nicht kompatibel?

Man muss darüber reden und schreiben. Trotz Angst, trotz Scham, gegen die Angst, gegen die Scham. Genauso, wie über Depressionen gesprochen werden muss, in all ihren verschiedenen Formen und Ausprägungen. Das Risiko ist da – Menschen werden sich abwenden, einige mich belächeln, ob offen oder heimlich. Aber es wird auch viele geben, die sich verstanden fühlen. Die sie auch spüren, diese unstillbare Sehnsucht, die in und über allem liegt, manchmal süß, manchmal bitter, wie das Leben eben.

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7 Gedanken zu „Diese unstillbare Sehnsucht

  1. Hallo Annette,

    Auch von mir erst einmal danke für deinen Text. Ich kenne bisher nur diesen Text von dir, weder deine Seite noch dich persönlich.

    Aber ich kann sagen, aus meiner Sicht machst du alles richtig. Ich würde mich, jetzt nachdem es diese Möglichkeit der Definition für „Hochsensible“ gibt als solche bezeichnen. Es gibt wie bei allen Besonderheiten der Menschen viele Ausprägungen. Ich habe ein Problem mit Lärm, mit zu vielen Menschen zu viel erzwungener Aufmerksamkeit. Auch ich weine oft in angeblich unpassenden Momenten, Manchmal geht es soweit das ich mich nicht mehr bewegen nicht aufhören und gerade noch mühsam weiteratmen kann.
    Deshalb zum Arzt? Nein das sehe ich nicht so. Solange ich meine Grenzen kenne.Wenn andere diese (unwissentlich) überschreiten, müssen sie eben mit meinen Reaktionen darauf leben.

    Gehe deinen Weg und trage die Farben bei dir. Zeige sie denen, die sie sehen wollen und ignorieren die, die davor die Augen verschließen.

    Liebe Grüsse

    Laura

  2. Bämm!! DANKE für deinen Text…! 🙏🏻
    Ja, dieses „du musst anders sein“- Gefühl kenne ich leider auch, aber ich hatte das Glück, an jemanden zu geraten, der mich liebt, wie ich bin.. das hat viele Wunden geheilt und doch kann ich es manchmal nicht glauben.

    Die aufrichtigste liebe ist die unserer Kinder und doch fühlen wir uns da oft so schuldig..
    Ich wünsche dir alles gute 💓

  3. Bin über Facebook auf Deinen Text gestoßen. Bin überwältigt von Deinen benennenden Worten. Wir „anderen“ sind nicht alleine, das tut immer wieder gut. Ich trage schon mein Leben lang dieses etwas anders sein mit mir herum. So richtig bewusst wurde es mir aber nach meiner Erschöpfungsdepression – auf Neudeutsch auch Burnout genannt. Das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich bin gerne so intensiv, auch wenn mir im Alltag – vor allem mit zwei kleinen Kindern – es nicht immer gestattet ist, ich zu sein. Vor allem interessiert es meinen Noch-Ehemann nicht, der mich seit vielen Jahren in meiner Andersartigkeit null sieht oder toleriert. Von daher bin ich inzwischen schon der Meinung, dass eine gute Partnerschaft nur dann gelebt werden kann, wenn sich beide irgendwo in ihrer GefühlsWelt und Fähigkeit zur Wahrnehmung ähnlich sind. Nur so ist beiderseitiges Verständnis für den anderen möglich.

    Darf ich Deinen Text auf meinem Blog rebloggen???

    Liebe Grüße

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